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Das Lauf-Simulacrum
Ohne Google – Tag 5

“The iFit Map Library provides exciting opportunities for you to tour the world, run and train for races and compete with others — right from your own home.” http://ifit.nordictrack.com/

Das Simulacrum des Laufens: ein Trainigsangebot, auf das ich durch einen TV-Spot aufmerksam geworden bin (ja, im Ausland schaue ich auch machmal noch fern). Es ist bisher die einzige Anwendung von Google Streetview, der ich bisher begegnet bin. Da kann ich Benedikt nur zustimmen: das soll alles sein?

Während meine eigenen Beine in diesem Augenblick müdegelaufen sind, sich mein Gesicht vom kalten und zum Teil recht starken Wind und der vielen Sonne des Tages noch stark durchblutet anfühlt, stelle ich mir jetzt vor, meinen ganzen heutigen Fußmarsch von etwa zehn Kilometern auf einem Laufband zu absolvieren, auf einem Bildschirm vor Augen die Ansicht des Wegs, die Google Streetview bietet, die sich, passend zu meiner simulierten Geh-Geschwindigkeit mitbewegt.

Während ich in Wirklichkeit mehrfach über den unregelmäßigen Belag der Gehwege gestolpert bin, würde das Laufband ganz und gar eben vor sich hin rollen; und wie seltsam sich die Stadt wohl verklärt, wenn der warme, muffige Wind aus den U-Bahn-Schächten fehlt, und das ständige Dröhnen des Verkehrs. Es versperren bei Google auch keine Obdachlosen den Weg mit dem Einkaufswagen, auf dem sie ihre Habe getürmt transportieren; man muss keinen Hunden ausweichen und man rempelt dort auch keine Senioren an, die mit ihrem Rollator unvermittelt vor einem stehen bleiben.

Und ich hatte schon gefürchtet, dass ich heute gar nichts passendes über meine Zeit ohne Google zu berichten gehabt hätte …

Die bisherigen Posts zum Experiment “Ohne Google”:
Die bisherigen Posts zum Experiment “Ohne Google”:

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Medienkompetenz: unser Umgang mit den Apparaten. Ohne Google, Tag 4

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“Ask any kid what Facebook is for and he’ll tell you it’s there to help him make friends. […] He has no idea the real purpose of the software, and the people coding it, is to monetize his relationships. He isn’t even aware of those people, the program, or their purpose. […]
The kids I celebrated in my early books as “digital natives” capable of seeing through all efforts of big media and marketing have actually proven *less* capable of discerning the integrity of the sources they read and the intentions of the programs they use.”

Douglas Rushkoff

Vilém Flusser hätte Google einen Apparat genannt, der funktional sehr einfach aber strukturell hoch komplex ist. Vor solchen Apparaten hatte uns Flusser stets gewarnt: sie zu beherrschen ist fast unmöglich – zuviel Spezialwissen aus unterschiedlichen Disziplinen ist dazu nötig; sich von ihnen beherrschen zu lassen dagegen ist ganz einfach: sie sind uns nützlich und für jeden leicht zugänglich – auch ohne Expertise.

Was für die Nutzung des Internets generell gilt, sollte uns für Google besonders wichtig sein. Im September haben laut ComScore knapp fünfzig Millionen Deutsche auf Google zugegriffen, das sind etwa 90 % der Online-Bevölkerung; jeder dieser fünfzig Millionen Besucher war dabei im Schnitt vierzig Mal auf den Google-Seiten. Und während die meisten Nutzer auf die Frage nach dem Existenz-Grund für Google wohl ähnlich auf den Nutzen beziehen würden, die sie sich selbst durch die Suchmaschine versprechen, wird doch spätestens bei der Veröffentlichung der Quartalsergebnisse deutlich, dass Google unter allen Medien inzwischen wahrscheinlich der effizienteste Werbeträger ist – zumindest was Performance-Werbung betrifft.

Die Menschen hinter SEO und SEM haben Google genau in diesem Sinne verstehen gelernt. Und damit auch klar ist, worum es sich bei den Search-Experten handelt, gibt es eine schöne, bildhafte Einteilung in zwei Lager:
die Black Hats – die Bösewichte aus dem Western, die systematisch die Schwächen der Such-Algorithmen ausnutzen, die bei so komplexen Systemen unvermeidbar sind, und die White Hats, als die man in der IT-Praxis die Sicherheitsexperten, die “Guten” Hacker bezeichnet, die mit ihrem Wissen helfen sollen, Systeme zu stabilisieren.

Für uns Nutzer ist es aber tatsächlich egal, ob wir von einem düsteren Black Hat auf eine Seite gelotst werden, auf die wir gar nicht wollten, oder ob uns ein White Head, ein Angestellter einer “seriösen Search-Agentur” ein Suchergebnis nach oben optimiert wurde, das wir auch nicht bekommen wollten. Aber im Englischen kommt bei beiden Begriffen eine schöne Doppeldeutigkeit zum tragen: Blackhead und Whitehead – beides bedeutet Mitesser. Das heißt, auch bei den SEO-Profis, die sich vielleicht selbst als die Helden mit den weißen Hüten sehen möchten, kommt unweigerlich die Assoziazion von lästigen Hautunreinheiten.

“When human beings acquired language, we learned not just how to listen but how to speak. When we gained literacy, we learned not just how to read but how to write. And as we move into an increasingly digital reality, we must learn not just how to use programs but how to make them.

Digital tools are not like rakes, steam engines, or even automobiles that we can drive with little understanding of how they work. Digital technology doesn’t merely convey our bodies, but ourselves.

At the very least we must come to recognize the biases – the tendencies- of the technologies we are using.”

schreibt Douglas Rushkoff weiter.

Digital Literacy – Medienkompetenz für Online-Medien – besteht nicht nur darin, zu Wissen wo und wie man relevante Informationen findet, es geht nicht nur darum, die Qualität von Quellen kritisch beurteilen zu können und auch nicht nur darum, mit persönlichen Daten sorgfältig umzugehen. Digital Literacy bedeutet zu allererst zu erkennen, welche Interessen im Netz wirken, auf welche Absichten verfolgen, bestimmte Dienste anzubieten und die technologischen Grundlagen dafür zu begreifen.

Und genaus, wie wir nicht nur hören sondern auch sprechen lernen, nicht nur lesen, sondern auch schreiben, wird das, was uns im Umgang mit Medien wirklich kompetent macht, erst erreicht, wenn wir nicht nur passive Nutzer sind, sondern aktiv eingreifen. Wir sollten alle – wenigstens in Grundzügen – die Fähigkeit besitzen, SEO zu machen. Wir sollten die Funktionsweise der Apparate für unsere Zwecke einsetzen, genau so, wie die Suchmaschinen-Optimierer dies tun, und zwar so gut wir können, unseren Teil vom Profit aus diesen Strukturen holen.

Oder wie Benedikt Köhler bemerkt: “Maschinen sind dazu da, uns zu dienen. Aus der Kultur der Hacker können die Medienmacher lernen: sich nicht den Maschinen unterordnen, sich genausowenig verweigern, sondern die Maschinen ausnutzen, ja regelrecht ausbeuten, versklaven!”

Gerade sitze ich in Schwechat. Es ist ein wunderschöner Herbsttag und auch gestern ist es mir wiedermal nicht besonders schwer gefallen, auf Suchmaschinen zu verzichten. Alles, was ich an Links gebraucht habe, um etwa diese Reise vorzubereiten, habe ich auf Wikipedia gefunden oder von Freunden empfohlen bekommen.

Weiterlesen:
“Das Heer der technischen Sklaven”

und die bisherigen Posts zum Experiment “Ohne Google”:
Die bisherigen Posts zum Experiment “Ohne Google”:

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Zensur?!
Mein Tag 3 ohne Google.

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Leave aside the fact that Google was happy to censor results for China until its servers were hacked. The fact is, Google still censors search results in other countries at the request of their governments. […] Censoring results for years, shifting course for entirely unrelated reasons, and then vilifying competitors who don’t jump on the bandwagon. (Though, of course, completely Google’s prerogative.) But it’s particularly hypocritical when Google is still happily censoring its search and YouTube products for other countries.
http://www.businessinsider.com

Den heutige Post zu meiner Internetnutzung ohne Suchmaschinen habe ich in Berlin geschrieben. Er ist entsprechend staatstragend.

Die indifferente Haltung bis zur willfährige oder sogar vorauseilenden Unterstützung von Unrechtsregimen durch Google, Microsoft und andere Medienkonzerne verdient unsere Kritik in aller Schärfe. Meldungen wie Googles Einlenken gegenüber den französischen Behörden hinterlassen ebenfalls ein Gefühl von Ratlosigkeit. Was passiert, wenn einem so zentralen Teil unserer Kommunikationsinfrastruktur über reine Verwaltungsakte Fesseln angelegt werden?

Offenbar fehlt etwas: die Würdigung von Online-Medien als zunehmend relevante Plattformen unserer politischen und gesellschaftlichen Meinungsbildung, den Online-Medien den staatlichen Umgang und den verfassungmäßigen Rang zuzuweisen, den sie ihrer Bedeutung nach längst verdienen.

Meist wird mit Zensur die gewaltsame Unterdrückung von kritischen oder vom Mainstream abweichenden Meinungen verbunden. Von der Verbannung Ovids über den Index der Kirche, der bürgerlich-autoritären Zensur in Metternichs Deutschem Bund zu den mörderischen Systemen totalitärer Zensur des zwanzigsten Jahrhunderts: es fallen mir beim ersten Nachdenken wenig Gründe ein, warum es Staaten erlaubt sein sollte, freie Rede und deren Zugänglichkeit zu beschränken.

Dennoch gibt es bei differenzierter Betrachtung sehr wohl Gründe, warum wir das Recht zur Auseinandersetzung mit Google haben. Diffemierungen, Rechtsbrüche, Hetze, all das ist mit Grund aus den Medien verbannt worden. Und zu Recht gibt es einen Presserat und die Möglichkeit zur Klage (und zwar nicht nur in Hamburg …). Wir sollten uns nicht einreden lassen, dass unsere Forderung nach der Einhaltung demokratischer Rechte einen “Dammbruch” (was für eine hole Metapher!) der Zensur bedeutet und uns die Legitmation nimmt, gleichzeitig weltweit für unser Verständnis von Meinungsfreiheit zu werben.

Die Forderung, das Internet sei Rundfunk, die der bayerische MInisterpräsident in seiner Eröffnungsrede der diesjährigen Medientage erhoben hat, halte ich für vollkommen Gerechtfertigt. Das Internet tritt nicht nur an die Stelle des Rundfunkts, es leistet schon jetzt weit mehr, was Meinungsbildung, Information und Unterhaltung betrifft, als die Verlage und Rundfunk es je getan haben.

Umso wichtiger ist es, für Pluralität zu sorgen, für eine Vielfalt von Angeboten, zu denen auch staatlich bzw. öffentlich geförderter, kultureller und journalistischer Freiraum gehören müssen.

Auch wenn ich schon den dritten Tag gut ohne Suchmaschinen leben kann, bin ich nicht so naiv zu glauben, dass es sich bei meinem Google-Fasten um mehr als eine zeitlich begrenzte Abstinenz handeln kann: ich will gar nicht auf Dauer und vollständig auf Suchmaschinen verzichten müssen. Ich will aber nicht in Abhängigkeit von ihrer Totalität geraten. Ich wünsche mir, dass sich aus der Mitte der europäischen Gesellschaften heraus eine liberal-bürgerrechtliche Bewegung formiert, die durch attraktive Gegenangebote von der Art von Wikipedia oder OpenStreetMap lautstark ihre Position im Netz artikuliert.

Weiterlesen:
Die bisherigen Posts zum Experiment “Ohne Google”:

und: Virtueller Rundfunk. Mein Plädoyer für eine starke Öffentlichkeit im Internet.

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Orientierung mit OpenStreetMap
Ohne Google: Tag 2

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Auch heute keine Suchmaschinen.

Der heutige Tag ist ein Reisetag. München-Düsseldorf, dann weiter nach Berlin. Zur Orientierung in Düsseldorf nutze ich OpenStreetmap. Worin liegt der Unterschied zu Google Maps? OpenStreetmap ist ein Wiki-Projekt. Es ist offen. Ich kann mich beteiligen. Natürlich bietet auch Google Maps die Möglichkeit, eigene Karten zu erstellen und zu veröffentlichen. Die Schnittstelle, mit der ich Google Maps in andere Anwendungen vernetzen kann, ist phantstisch einfach. Aber es ist ein Unterschied, ob ich nur eigenen Layer erzeugen kann, wie bei einem proprietären Projekt von der Art Google Maps nicht anders möglich, oder ob ich eben im Innersten des Systems mitarbeiten kann.

Ähnlich wie bei Wikipedia ist die Editionsgeschichte der Kartenausschnitte sehr interessant und verhindert das unkontrollierte und vollkommen willkürliche “auslöschen” von Objekten, wie es auf Google Maps regelmäßig vorkommt. Wenn neue Karten eingespielt werden, sind die alten für uns nicht mehr zugänglich. Es gibt keine Historie.

Neben der Redlichkeit, die Entstehung und (erhoffte) stetige Verbesserung der Karten mit jedem Editionsschritt sichtbar zu machen und zu dokumentieren, sind es die Diskussionen, die manche Beiträge hervorrufen, durch die man so viel mehr erfährt, als durch die einfache Karte, auf der man über das “Warum” über die Existenz – oder gar das Fehlen – eines Eintrags nur spekulieren kann. Google gibt in der Regel keine Auskunft über seine Motive.

Georgia without details on Google Maps
Und manchmal ist es einfach bizarr, was bei Google Maps ausgespart bleibt. Die rätselhaften Wolken, die sich über manche Bauwerke schieben – viel diskreter, als wenn der Anblick nur verpixelt worden wären! – oder ganze Länder, die von heute auf morgen verschwinden, wie etwa Georgien, dessen Bild in Google Maps seit dem Tag nach dem Beginn des Georgienkriegs 2008 keine Informationen mehr enthält. Selbstverständlich sind alle Details des Kaukasus auf OpenStreetMaps unverändert zu finden.

Wikipedia und ihre Schwesterprojekte sind nicht perfekt. Die Willkür und die rüden Umgangsformen mancher Administratoren wurde schon oft – und zu recht – beklagt. Aber alles, was geschieht, ist offen und sollte – zumindest im Grundsatz – zum Mitmachen einladen.

Ich wünsche mir, dass mehr öffentliche und komunale Verwaltungen sich an solchen Projekten beteiligen, ihren Raum darin ergreifen und ihre steuerfinanzierten Daten uns auf diese Weise offen zur Verfügung stellen, so wie es z. B. Augsburg unlängst angekündigt hat. Wie schön wäre es, wenn die wundervollen Karten mit ihrer hochwertigen Information, die etwa das Bayerische Landesamt für Denkmalschutz oder das Wasserwirtschaftsamt anbieten, über Openstreetmap eine offene Schnittstelle bekäme und sich ohne Bruch mit anderen Daten verbinden ließe. So bleibt es eben bislang an uns, selber die Boden- und Baudenkmäler einzutragen und damit anderen zugänglich zu machen.

Auch heute bin ich sehr zufrieden. Ich habe wieder das Gefühl, dass sich meine Zeit für all das, was ich heute Online gelesen habe, hat sich ausnahmslos für mich gelohnt hat. Und ich bin sicher auf unbekanntem Terrain zu Fuß und mit dem öffentlichen Personennahverkehr vorangekommen – auch ohne Google.

Die anderen Posts zum Experiment “Ohne Google”:

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Wertvolle Empfehlungen statt wertloser Sucherei
Ohne Google: Tag 1

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Nachdem ich gestern den Entschluss gefasst hatte, für eine Zeit lang ganz auf Suchmaschinen zu verzichten, möchte ich nicht veräumen, zu erzählen, inwiefern sich meine Internetnutzung dabei verändert hat.

Das wichtigste Mittel, zu wertvoller Information zu kommen, sind meine Netze, vor allem auf Twitter. Ich möchte mich gar nicht in einer trivialen Eloge auf das großartige Web2.0 ergehen. Aber tatsächlich habe ich das starke Gefühl von Sicherheit, über die Posts meiner Peer-Group alle Pfade des Internets ausgerollt zu bekommen, auf die ich mich auch tatsächlich begeben möchte.

Zum ersten Mal habe ich mir die Mühe gemacht, genauer zu betrachten, welche Links ich in meiner Twitter-Timeline empfohlen bekomme. Bisher hatte ich angenommen, eher zufällig mal auf den einen, mal auf den anderen Link zu klicken. Um ein objektives Bild zu bekommen, habe ich alle Links, die mir wert schienen, ihnen zu folgen, in einer Liste zu archivieren.

Beim Auszählen, die Überraschung: ich habe mir in Wahrheit etwa die Hälfte der Links aus meiner Timeline angesehen!Spam findet sich kaum. Tatsächlich liegen hinter den Links fast immer lesenswerte Artikel oder Bilder, die mich zumindest erfreuen. Diese Effizienz in der Versorgung mit Content finde ich bemerkenswert.

Hier die Liste der Links, die ich gestern Abend für relevant befand, ihnen zu folgen:

… und morgen geht es weiter. Sehr gespannt bin ich auch auf den parallelen Bericht von @dasrhizom!

Weiter zum zweiten Tag ohne Google: Orientierung mit OpenStreetMap
Zurück zur Einführung: Ohne Google. (die Einführung)
Und Ich bin dann mal verpixelt. – über Google Streetview.

Die anderen Posts zum Experiment “Ohne Google”:

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Ohne Google.

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“Die Welt ist keine Kugel”. Es ist der Berg des Nordens, dessen Schatten die Nacht erzeugt. Perspektivenwechsel, wie ihn die “Christliche Topografie” von Kosmas Indikopleustes vorlegt. Darauf wäre ich wohl auch nicht über Google gestoßen.

Abbildung nach Cosmas Indicopleustes, Christian Topography, Hsgb. J. W. McCrindle, Calcutta 1897

The strongest arguments prove nothing so long as the conclusions are not verified by experience. Experimental science is the queen of sciences and the goal of all speculation.
Roger Bacon

Ich habe mich entschlossen, ein Experiment zu machen: ich werde von heute an die Suche von Google nicht mehr nutzen.

Ort und Gelegenheit, zur Geburt dieser Idee war eine lange und lebhafte Diskussion mit Benedikt Köhler, Peter T. Lenhart und Sigrid Schwarz vergangenen Freitag in der Galerie Royal – genau passend, für das, was ich im folgenden beschreiben möchte.

Warum kommen wir auf diese Idee?

Es gibt einen Anlass und einen Grund für meine Entscheidung. Am vergangenen Freitag habe ich – wie so oft – versucht, Information zu einem bestimmten Produkt bzw. einer Marke zu finden, indem ich danach gegoogelt habe. Unter den ersten zehn Seiten von Treffern, also die ersten hundert Web-Seiten, die Google meiner Suche nach für relevant hält, war kein einziger Link, der tatsächlich etwas mit meinem Suchwort zu tun hatte. Es waren ausnahmslos Portale zum Preisvergleich, Empfehlungsportale oder Versandhändler – und stichprobenhaftes Aufrufen der Links förderte schnell zu Tage, dass keines der angeklickten Unternehmen das von mir Gesuchte tatsächlich angeboten hätte. “Finden Sie Machiavelli günstig bei ebay”, “Billig Hausstaubmilben bei Amazon bestellen”. – das ist mein Anlass, mehr nicht. Ich will gar nicht in ein Lamento über die Unart der SEM/SEO-Branche verfallen, über die Lebenszeit, um die uns diese Agenturen mit ihren anbiedernden und dummdreisten Tricks betrügen, um die Bandbreite, die durch ihren Spam verstopft wird. Das alles sind ja Gemeinplätze.

Der Grund für mein Experiment, nicht mehr mit Google zu suchen, liegt tiefer. Eine Suchmaschine nimmt ein Wort oder mehrere Worte, die ich vorgebe und liefert die Seiten im Netz, auf denen diese Worte zu finden sind – in einer Rangfolge nach ihren Algorithmen geordnet. Die Suchmaschine ist damit die Fortsetzung von dem, was der Index in einem Buch gewesen ist. Ein Index führt mich schnell zu den Dingen, die ich bereits kenne. Ich finde die Stellen im Buch wieder. Ein Index ersetzt aber auf keinen Fall das Inhaltsverzeichnis oder gar ein Abstract.

Zunächst scheint es eine große Erleichterung, wenn Information stets im Volltext zur Verfügung steht. In Wahrheit aber spart man sich häufig, ein Thema zu erarbeiten, weil man es ja schnell zitieren und weiterverwenden kann. Statt eigene Gedanken zu wagen, “stehen wir auf den Schultern von Riesen” und diese Riesen sind so übermächtig, dass jeder Widerstand zwecklos scheint. Wir haben so viel zur Verfügung, dass es unmöglich scheint, noch selbst etwas anderes Beizutragen, als eine Collage des bereits vorhandenen. Dieser Eklektizismus hat durchaus seine Ästhetik. Ich habe für mich persönlich aber das stärker werdende Gefühl, nichts mehr wirklich zu finden, und vor allem nichts mehr zu er-finden, je mehr ich mir die Technik des Suchens zueigen gemacht habe.

Dieses Gefühl wertloser Zeitverschwendung habe meist ich nicht bei Inhalten, die mir im Freundeskreis auf Twitter oder Facebook empfohlen werden oder die ich auf den Blogs finde, die ich regelmäßig lese. Oft klicke ich auf einen Link in meiner Twitter-Timeline, bei dem ich in der Regel nicht vorher sehe, wohin er führen wird, da er über bit.ly oder ähnliche Dienste verkürzt wurde, und stoße auf vollkommen unerwartet Neues, von dem aus es nicht selten Link für Link weiter geht, in Richtungen, die ich eben nicht schon im Vorhinein vorgegeben habe.

Auch was ich auf sozialen Informationsnetzen wie Wikipedia oder OpenStreetMap finde, bedeutet mir meist mehr, als die algorithmischen Ergbnisse der Suchmaschinen. Nicht zuletzt das motiviert mich, selbst etwas beizutragen, von dem ich glaube, dass andere es gerne finden werden.

Ich halte nichts von totaler Internet-Abstinenz. Fasten bedeutet schließlich nicht Hungern, sondern das bewusste Einhalten von Speisevorschriften zur Sammlung und Bewusstmachung dessen, auf was man verzichtet.
Mein Experiment – no Google, just the Web – soll mir ganz persönlich Klarheit darüber verschaffen, welchen Stellenwert Search für mich hat und wie es mich und meine Arbeit im Internet verändert. Ich werde versuchen, hier über meine Erfahrungen zu berichten.

Hier geht es zu den Erfahrungsberichten:

Weitere Beiträge zum Thema:
Das Ende der Geschichte für Kreativ-Berufe
Über das Fasten
Slow Media und die knappe Zeit
Kohelet – Zeit und Glück

und: Ich bin dann mal verpixelt.

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S21: Experiment am offenen Kopfbahnhof

Gestern hat die Schlichtung zum Stuttgarter Bahnhof begonnen. Eine Schlichtung ist nicht neu und nichts Ungewöhnliches. Neu ist, dass diese Schlichtungssitzungen live im Fernsehen und im Internet übertragen werden (hier alle Videos der ersten Sitzung). Das ist ein Experiment, man könnte sagen: ein Experiment am offenen Kopfbahnhof. Der Schlichter Heiner Geißler nennt es ein “Demokratie-Experiment”. Interessant, dass er das Herstellen von Öffentlichkeit mit Demokratie in Verbindung bringt. Ähnlich argumentierte gestern morgen im Tagesgespräch des WDR5 Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Er sieht in der öffentlichen Schlichtung eine Chance auf neue Formen der bürgerlichen Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Und neue Formen der Demokratie müssen wohl entwickelt werden. Denn immer mehr Bürger scheinen sich von ihren Vertretern nicht mehr richtig vertreten zu fühlen. Wie kommt das?

Die politischen Entscheidungrituale scheinen sich verselbständigt zu haben. So wie sich auch die politische Sprache in Rituale und Floskeln flüchtet.* So wie Talkshows zu Simulationen von Gesprächen geworden sind, in denen jeder nur vorbestimmte Statements ablädt und wieder geht. Es ist die Diskursivität, die hier fehlt – ein zentrales Element in unserem Slow Media Ansatz. Die Bereitschaft, Zuzuhören und einen Standpunkt zu gewinnen – anstatt ihn vorher schon zu haben.

Vielleicht muss unsere parlamentarische Tradition reparlamentarisiert werden. Und zu ihrem Wortursprung zurückfinden. “Parlament”: Das ist da, wo gesprochen wird. Und: Zugehört. Aufeinandereingegangen. Widersprochen. Reagiert. Agiert. Ganz im diskursiven Sinne. Diskurs, das heißt: Da ist etwas in Bewegung. Nicht: Da steht alles schon vorher fest.

Heiner Geißler hat schon im Vorfeld erklärt, dass er auf “völlige Transparenz” setzt. Alles müsse auf den Tisch, “alle Argumente, alle Fakten, alle Zahlen”. Gerade diese Absicht könnte die Politik das Fürchten lehren, darauf wurde schon öfter hingewiesen. Alle Fakten auf den Tisch. Hannes Rockenbauch, der Stuttgarter Stadtrat der SÖS, erklärt (als es bei der Schlichtung um die Frage geht, ob die Fakten auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen): “”Alles auf den Tisch”, das heißt auch: alles ins Netz!”. Da haben wir den Salat. Was machen wir jetzt damit?

Interessens- und parteigeleitete Entscheidungsrituale haben es hinter verschlossenen Türen gewiss leichter. Bedeutet das, dass mehr Transparenz und Öffentlichkeit die Beteiligten zu mehr Sachorientierung zwingt? Das werden wir nun in diesem Experiment beobachten können. Auch, ob sich vor laufenden Kameras wirklich Sachargumente gegen medienerfahren vorgetragene Positionen durchsetzen.

Am interessantesten war für mich, die Gesprächssituation selbst sehen zu können: Wie funktioniert so eine Schlichtung? Sehen sich die Leute an, wenn sie miteinader sprechen? Ist jemand überzeugt von dem, was er sagt? Wer kokettiert mit der Kamera? Wer weicht Antworten aus? Wer ist sicher, wer schwimmt? Wer argumentiert auf Sachebene, wer stellt die Autoritätsfrage?

Alte Entscheidungsmuster und Kommunikationsstrukturen funktionieren nicht mehr. Ich denke, es ist kein Zufall, was grade in Stuttgart passiert. Was noch vor 15 Jahren (also zu Projektbeginn) selbstverständlich war, ist es jetzt nicht mehr. Die Gesellschaft ist jetzt eine andere, Geißler hat selbst darauf hingewiesen, im Zeitalter neuer Medien und höherer Informationsverfügbarkeit: Öffentlichkeit ist heute etwas anderes, und das ist gut so.

Einen Effekt hat das Experiment Stuttgart jetzt schon: “Die Experten sollen bitte das, was sie wissen, in eine Sprache umsetzen, die wir auch verstehen”, fordert der Schlichter Geißler, der sicher auch einen guten Erzieher schwererziehbarer Kinder abgegeben hätte. Keine unnötigen Abkürzungen und Fremdworte, keine unleserlichen, kleinteiligen und unverständliche Powerpoint-Präsentationen. Weil “uns so viele zuschauen”. Die das verstehen und nachvollziehen können wollen.

Was für eine Wohltat, dass öffentlich Verständlichkeit gefordert wird. Wenn mehr Transparenz den Effekt hat, dass Experten verständlich kommunizieren müssen – nun, das allein wäre es doch schon wert.

+ + +

* Dass politische Rede auch anders – sprich: diskursiv – sein kann, führte erst kürzlich der Rhetorik-Experte Prof. Wilfried Stroh in seiner fabulösen Dinnerspeach zum Slow Media Symposium des Forums Wertvolle Kommunikation in Gmund am Tegernsee aus.

Abbildung: Cesare Maccari: Cicero klagt Catalina an. Quelle: Wikipedia.

(Beitrag crossgepostet auf TEXT-RAUM)

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Ewigkeitssuppe reloaded

Über Nichts und dessen Wiederholung

Vortrag von Inga Persson, gehalten auf dem Symposium Wertvolle Kommunikation in Gmund, 12.10.2010.

„So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies gekennzeichnet durch Wagenfahrten, die von verschiedenen Gästegruppen unternommen wurden: mehrere Zweispänner schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife herauf und hielten vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen, Russen hauptsächlich, und zwar russische Damen. (…) Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen vielleicht von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als gewöhnlich nicht wohl gestaltet werden konnten, wenigstens eine erhöhte Feinheit der Gerichte aufwiesen. (…) Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den der Hospitant hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig wiederkehrende Abwandlung des Tageslaufes: nämlich einen jener Vorträge, die Dr. Krokowski vierzehntägig im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der deutschen Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des »Berghofes« hielt.“1

Der Zauberberg steht auf der Leseliste jedes Literatur-schülers, so auch auf meiner. Zugegebenermaßen, ich quälte mich hindurch. Seite um Seite zog sich der Roman, allerdings wurde auch mir trotz meines frühen Semesters bald klar, dass die lähmende Langeweile, die ewigen Wiederholungen, die monotone Einförmigkeit, von Thomas Mann Ewigkeitssuppe genannt, auf dem Zauberberg Sinn stiftete.

Wenn ich mich heute in der Kommunikations- und Vermarktungswelt umschaue, meine ich, leise in einer ebensolchen Ewigkeitssuppe dahin zu treiben: Was wäre, wenn nicht nur der Rest des Sonntags, sondern offenbar Marketing- und Kommunikation „nichts Außerordentliches“ mehr bietet? Wenn ich die Frage, die sich mir beim täglichen Blick auf Google News, die Großflächen an der S-Bahnstrecke oder den abendlichen Werbeblock nachgerade aufdrängt, – worum es eigentlich geht -, im besten Fall mit „Nichts“ beantworten muss?